Im ersten Beitrag unserer Reihe haben wir die Kernbotschaften des Microsoft Work Trend Index 2026 vorgestellt: Agenten und KI übernehmen mehr und mehr die Ausführung – die menschliche Steuerung, Bewertung und Entscheidungshoheit wird zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal. Doch was bedeutet das konkret für jede einzelne Mitarbeiterin und jeden einzelnen Mitarbeiter? 
Microsoft hat hierzu einen eigenen How-To-Guide für die Mitarbeiterperspektive veröffentlicht. Die zentrale Botschaft: Bevor Rollen neu gestaltet werden können, müssen sie erst einmal verstanden werden. In diesem Beitrag fassen wir die wichtigsten Schritte zusammen – und zeigen, wie du als Führungskraft deine Teams dabei begleitest. 

Warum Rollen neu gestaltet werden müssen 

Der Work Trend Index zeigt: Frontier Professionals – also Beschäftigte in Unternehmen, die KI strukturell verankert haben – gestalten ihre Arbeit rund 8 Prozentpunkte häufiger aktiv um als andere Wissensarbeitende. Der Punkt ist nicht, ob diese Veränderung kommt, sondern ob sie bewusst, zufällig oder gar nicht stattfindet. 
In den meisten Rollen haben sich über die Jahre Aufgaben angesammelt, die mehr mit der historischen Entwicklung des Unternehmens zu tun haben als mit dem eigentlichen Wertbeitrag der Person. KI macht es nun unausweichlich, diese Akkumulation zu sortieren und die Kernfrage zu stellen: Was produziert diese Rolle – und warum braucht es dafür einen Menschen? 

„Every day, you live an onlyness that no algorithm can replicate or replace.” 
— Ryan Roslansky & Aneesh Raman, *Open to Work* 

Schritt 1: Die Arbeit sichtbar machen

Bevor Beschäftigte ihre Rolle neu entwerfen können, müssen sie sie klar sehen. Microsoft empfiehlt drei Reflexionsfragen für den Einstieg:

  • Was ist der Kernzweck der Rolle? Nicht was tue ich, sondern was würde fehlen, wenn es diese Rolle nicht gäbe?
  • Wofür bin ich wirklich verantwortlich – im Gegensatz zu den Aktivitäten, die meinen Tag füllen?
  • Wenn meine Rolle morgen verschwände – was würde zuerst zerbrechen? 

Im nächsten Schritt notieren die Mitarbeitenden die rund 10 Aufgaben, die den größten Teil ihrer Zeit beanspruchen. Wichtig: Führungskräfte sollten diese Übung zuerst für sich selbst durchführen, bevor sie sie mit dem Team angehen.

Aus der Praxis

Eine Account-Managerin notiert „Vorbereitung von Kundengesprächen” als wöchentliche Aufgabe. Mitten in der Übung erkennt sie: Vorbereitung ist nicht das richtige Wort. Was sie tatsächlich tut, ist Übersetzung – sie übersetzt, was Kunden sagen, in eine Sprache, mit der das interne Team arbeiten kann, und umgekehrt. Diese unsichtbare Leistung war ihr selbst nie als Fähigkeit bewusst. Genau diese Art von verstecktem Beitrag soll die Übung sichtbar machen. 

Schritt 2: Aufgaben sortieren – wo entsteht echter Wert?

Sobald die Liste steht, beginnt die eigentliche Arbeit. Drei Sortierfragen helfen:  

  • Wo zeigt sich „es kommt darauf an” am häufigsten? 
  • Wo wird man langsamer – nicht weil die Arbeit schwer ist, sondern weil viel auf dem Spiel steht
  • Wo hält man an Arbeit fest, die einen eigentlich nicht mehr braucht? 

Die anschließende Bewertung legt das „Where decisions live” offen: 

Schritt 3: Den eigenen Vorsprung („Edge”) finden

Jeder Mensch trägt eine einzigartige Kombination aus Erfahrung, Urteilskraft und Perspektive in sich. Die Management-Vordenkerin Nilofer Merchant nennt das Onlyness. Microsoft spricht vom Edge. Drei Dimensionen helfen, ihn zu finden:

  • Woher kommt dein Edge? Welche Erfahrungen prägen dein Denken? Was zieht sich wie ein roter Faden durch deine Karriere?
  • Was schafft dieser Vorteil? Wo erkennst du Signale früher als andere? Welche Schnittstellen zwischen Welten oder Branchen prägen deine Sicht?
  • Wie verbindet dieser sich mit KI? Wo schlägt dein Urteil weiterhin das eines Modells? Welche Aufgaben würdest du endlich angehen, wenn KI deine Routine übernähme?

Aus der Praxis

Ein Program Manager arbeitet seit zehn Jahren im selben Unternehmen. Er trägt Wissen, das kein Organigramm abbildet: Warum bestimmte Prozesse so gestaltet wurden, welche Stakeholder-Beziehungen historisch belastet sind, welche Entscheidungen Jahre später still angefochten werden. Als eine neue Führungskraft beginnt, Workflows umzubauen, wandelt sich seine Rolle: Er ist weniger Ausführender – mehr Übersetzer organisationaler Historie. Eine Rolle, die kein Agent leisten kann.

Schritt 4: Im Spannungsfeld führen – die 5C 

Wenn KI verändert, was Arbeit verlangt, geraten Identität und Selbstverständnis vieler Beschäftigter in Bewegung. Das ist kein Problem, das wegmanagt werden muss – sondern ein Signal, dass sich etwas Wichtiges verschiebt. Microsoft empfiehlt, die 5C aus Open to Work als Team-Reflexion zu nutzen:

  • Curiosity – Wo müssen wir offen bleiben, statt auf alte Muster zurückzufallen? 
  • Courage – Wo warten wir auf Gewissheit, die nicht kommen wird? 
  • Creativity – Wo könnten wir Arbeit anders denken, jetzt wo KI Routinen übernimmt? 
  • Compassion – Wo erleben Teammitglieder Unsicherheit – und wie unterstützen wir sie? 
  • Communication – Wo müssen wir klarer machen, was sich ändert und was bleibt? 

Schritt 5: Eine bewusste Verschiebung pro Woche

Die Übung wirkt nur, wenn sie zu konkreten Veränderungen führt. Microsoft empfiehlt eine wöchentliche Mini-Routine:

  1. Eine Aufgabe entfernen, die KI ohne den Menschen erledigen kann. 
  2. Einen Bereich verstärken, in dem das eigene Urteil besonders zählt. 
  3. Einen Zeitblock umlenken in Richtung höherwertiger Arbeit. 

Diese Verschiebung wird im Team geteilt – das Artikulieren macht aus einer privaten Übung eine gemeinsame Praxis.

Was das für deine Organisation bedeutet

Die Mitarbeiterperspektive zeigt: Frontier Firms entstehen nicht durch ein Tool-Rollout, sondern dadurch, dass jede einzelne Person Klarheit darüber gewinnt, wo ihr Beitrag unersetzbar ist – und wo nicht. Als Führungskraft ist deine Aufgabe nicht, diese Antworten vorzugeben. Sie ist, die Bedingungen zu schaffen, unter denen diese Reflexion stattfinden kann – und das Verhalten selbst vorzuleben. 

Communardo Smart Work begleitet Unternehmen dabei, diesen Reflexionsprozess mit Bezug zur künstlichen Intelligenz zu verbinden: von der Rollen-Inventur über die Identifikation übergabefähiger Aufgaben bis zur strukturierten Einbindung von Agenten. Sprich uns an, wenn du diesen – deinen KI – Weg systematisch gestalten möchten. 

Häufig gestellte Fragen

Was ist „Onlyness” und was hat das mit KI zu tun?

Onlyness ist ein Begriff der Managementdenkerin Nilofer Merchant und beschreibt die einzigartige Kombination aus Erfahrung, Perspektive und Urteilskraft, die jeder Mensch mitbringt — und die kein Algorithmus replizieren kann. Im Kontext des Work Trend Index 2026 wird Onlyness zur strategischen Ressource: Je mehr KI-Agenten Routineaufgaben übernehmen, desto mehr rückt genau das in den Vordergrund, was Menschen unersetzbar macht. Microsoft nennt das den persönlichen „Edge” — die Fähigkeit, Signale früher zu erkennen, Zusammenhänge zu übersetzen oder Entscheidungen zu treffen, bei denen viel auf dem Spiel steht.

Welche Aufgaben sollten Mitarbeitende laut Work Trend Index 2026 an KI abgeben?

Der Work Trend Index 2026 empfiehlt eine strukturierte Rollen-Inventur: Mitarbeitende notieren die rund zehn Aufgaben, die den größten Teil ihrer Zeit beanspruchen, und sortieren sie nach drei Kriterien. Erstens: Wo liegt echte Entscheidungsverantwortung — also wo hängt das Ergebnis maßgeblich vom persönlichen Urteil ab? Zweitens: Wo entstehen Fehler mit echten Konsequenzen? Drittens: Wo wird man langsamer, weil viel auf dem Spiel steht? Aufgaben, auf die keines dieser Kriterien zutrifft, sind übergabefähig an KI-Agenten. Das Ziel ist nicht Automatisierung um jeden Preis, sondern die bewusste Freisetzung von Zeit für höherwertige Arbeit.

Was sind die 5C im Work Trend Index 2026 und wie nutze ich sie als Führungskraft?

Die 5C sind ein Reflexionsrahmen aus dem Buch „Open to Work” von Ryan Roslansky und Aneesh Raman, den Microsoft im Work Trend Index 2026 für Führungskräfte empfiehlt. Sie helfen Teams, den Wandel durch KI nicht zu managen, sondern gemeinsam zu durchdenken. Curiosity steht für die Bereitschaft, alte Muster loszulassen. Courage bezeichnet die Fähigkeit, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Creativity meint das Neudenken von Arbeit, die KI verändert hat. Compassion richtet den Blick auf Teammitglieder, die Unsicherheit erleben. Communication schließlich steht für die Klarheit darüber, was sich ändert — und was bleibt. Als Führungskraft ist die wirksamste Nutzung, die 5C nicht als Checkliste einzusetzen, sondern als Gesprächsrahmen im Team.

Wie oft sollten Mitarbeitende ihre Rolle laut Work Trend Index 2026 überdenken?

Microsoft empfiehlt im Work Trend Index 2026 keine jährliche Rollenevaluation, sondern eine wöchentliche Mini-Routine: eine Aufgabe identifizieren, die KI ohne menschliches Urteil erledigen kann und delegieren. Einen Bereich stärken, in dem das eigene Urteil besonders zählt. Einen Zeitblock bewusst in Richtung höherwertiger Arbeit umlenken. Diese drei Schritte werden im Team geteilt — das Artikulieren der eigenen Verschiebung macht aus einer privaten Reflexion eine gemeinsame Praxis und beschleunigt die Transformation im gesamten Unternehmen.

Warum werden Frontier Professionals seltener durch KI ersetzt?

Frontier Professionals — die produktivste Gruppe der KI-Nutzenden laut Work Trend Index 2026 — sind nicht deshalb sicher, weil sie KI häufiger nutzen, sondern weil sie ihren eigenen Beitrag klarer definiert haben. Sie wissen, wo ihr Urteil schlägt — und delegieren konsequent alles andere. Damit verschieben sie ihre Rolle von der Ausführung zur Steuerung: Sie werden zu Agent Supervisors, die KI-Agenten-Flotten verantworten, bewerten und im Zweifel überstimmen. Genau diese Kombination aus Rollenklarheit und KI-Kompetenz macht sie schwerer ersetzbar — nicht trotz KI, sondern durch den bewussten Umgang damit.

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